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Afghanistan, Taliban und Koexistenz im Frieden – oder Fundamentalismus und Intoleranz?

Eine ausgezeichnete SZ-Reportage von Tomas Avenarius zeigt die kulturelle Differenz der Taliban zu unserer „westlichen“ Kultur der Aufklärung

Man kann sich nur bei Tomas Avenarius für die Reportage „Ich will Spaß, ich geb Gas“ bedanken. Nah an den Menschen beleuchtet er das Treiben auf einem Vergnügungspark am Stadtrand Kabuls, in dem sich Taliban-Kämpfer im Widerspruch zu ihrer fundamentalistischen Auslegung des Islam ausgelassen vergnügen dürfen. Avenarius beschreibt diese und andere Belohnungen (Anerkennung, Trophäen, Frauen?), die Taliban-Krieger für ihren siegreichen Krieg gegen die westlichen „Unterdrücker“ erhalten.

Kulturelle Arroganz gegenüber Stammeskulturen?

Mit kultureller Arroganz könnte man dieses Geschehen jetzt als Bestätigung der eigenen Lebensweise einfach nur mit Verachtung strafen und zur Tagesordnung zurückkehren. Doch dies wäre in meinen Augen ein großer Fehler. Ebenso wie Avenarius in seiner Reportage müssen wir uns fragen, welche Ursachen zu diesem Verhalten der Taliban-Kämpfer führen, die, wie Avenarius‘ Reportage zeigt, zu islamistischen Killer-Maschinen gedrillt worden und weiter eine Gefahr für uns sind. Der afghanische Psychologe Sharafuddin Azimi findet die Ursachen für die Radikalisierung in einer durch Armut, Empathielosigkeit, Missbrauch und religiösen Drill erfolgten Sozialisation in den dörflichen Regionen Afghanistans. Weitab von den Wertmaßstäben unserer aufgeklärten westlichen Kultur leben die Menschen dort in einem Kulturkreis, der noch nach den Werten einer Stammeskultur funktioniert.

Militärgestützte Umerziehung der falsche Weg

Wenn man dies beachtet, dann wird das Scheitern der Demokratisierungsbemühungen der westlichen Staaten in den letzten 20 Jahren in Afghanistan verständlicher. Es genügt einfach nicht, eine Fassade demokratischer Kultur zu schaffen, indem man mit Subventionen eine demokratische Staatsstruktur finanziert und Schulen auch für Mädchen hier und dort einführt. Eine „Umerziehung“ müsste alle Menschen erreichen und diesen zudem ein sicheres Leben mit ausreichendem Einkommen und verlässlichen staatlichen Strukturen liefern. Das gab es in Afghanistan nie und dies wäre auch schier unmöglich.

Menschenwürde als Basis

Aber wie sollen wir dann handeln? Bisher kann man das westliche Handeln als eine Mischung aus kriegerischem Bekämpfen und religiöser Toleranz fundamentalistischer Religionen bezeichnen. Doch dieser Weg ist falsch. Es genügt nicht zu sagen: „Wir bekämpfen eure Krieger, aber wir tolerieren euren Fundamentalismus.“ Dieses Tolerieren ist nicht mehr als das Anerkennen einer Haltung, die nicht auf Wechselseitigkeit beruht. Oder mit anderen Worten: Ich würde jemanden anerkennen, der mich nicht anerkennt. Dies ist eine Haltung, die nicht nur gegen Artikel 1 unseres Grundgesetzes verstößt, sondern auch unserer Selbstachtung nicht genügt. Wir unterwerfen uns in einer solchen naiven Toleranz den Wertmaßstäben einer anderen Kultur, die nicht die Menschenwürde zur Grundlage des Umgangs miteinander macht. Ohne diese Basis ist aber kein friedliches Zusammenleben der Menschen möglich.

Fundamentalismus an den Wurzeln bekämpfen

Was also ist zu tun, um dem Fundamentalismus in Zukunft wirkungsvoll zu begegnen? Psychologe Azimi hat die seelischen Verletzungen und materiellen Mängel beschrieben, die bereits Kinder zu „Seelenkrüppeln“ macht, wie Avenarius schreibt. Diese missbrauchten Kinder sind einfache Opfer für fundamentalistische Heilsversprechen fehlverstandener Religionsauslegungen. Es hilft nur, an dieser Wurzel anzusetzen.

Missbrauch und Ausgrenzung verhindern und aufarbeiten

Soll jetzt ganz Afghanistan auf die Couch? Nein, so radikal ist mein Ausweg nicht. Meine Sorge gilt vor allem erst einmal unseren westlichen Staaten selbst. Fundamentalismus und terroristisches Handeln gibt es auch bei uns, wie der Anschlag in Idar-Oberstein gezeigt hat. Und auch hier werden wir, wage ich zu behaupten, ein tief in der Psyche des Täters eingenarbtes Motiv als Ursache finden, bei dem die Corona-Maskenverweigerung nur die Oberfläche tieferer seelischer Verletzungen ist, die auf Missbrauchs- oder Ausgrenzungserfahrungen beruhen, die nicht angemessen aufgearbeitet worden sind.

Funktionierender Sozialstaat statt Neoliberalismus

Letztlich zeigt sich, dass der nun seit über 20 Jahren sich ausbreitende Neoliberalismus, der im Zuge der ökonomischen Straffung viele Strukturen unseres Sozialstaates ausgehöhlt bzw. „verschlankt“ hat, auch hier mitspielt. Prekäre Lebensverhältnisse führen zu Erniedrigung und Missbrauch. Und diese wiederum werden zum Nährboden für fundamentalistische Heilsversprechen, die in den abgehängten Milieus unserer westlichen Gesellschaften um sich greifen. Es hilft dagegen nur, den Sozialstaat und insbesondere die Schulen, psychologische Beratung und Therapieangebote zu stärken, um den Menschen aus der Not zu helfen und eine alltägliche Kultur wechselseitiger Anerkennung aufzubauen, damit nicht weitere Menschen in den Abgrund schlittern.

Mark Hagelt

In Kategorie: Demokratie, Politik

Über den Autor

Veröffentlicht von

Mark Hagelt lebt seit vielen Jahren mit Kind und Kegel als Lehrer in Norddeutschland und hat in seinem Roman "Schulfrei" eigene Erfahrungen aus der Lehrerausbildung eingearbeitet. Das Manuskript ist bereits vor über 20 Jahren verfasst worden, lag dann aber nach ersten Veröffentlichungsversuchen lange im Regal und wurde erst kürzlich wiederentdeckt. Die im Roman thematisierten gesellschaftlichen Hierarchien und Ausgrenzungstendenzen beschäftigten den Autoren seit Langem, teilweise auch in wissenschaftlichen Bestrebungen, und scheinen ihm heute ausgeprägter zu sein, als in der Zeit des Verfassens des Werks. Daher erscheint ihm die Auseinandersetzung mit subtilen Formen der Unterdrückung und struktureller Gewalt aktueller denn je, da sie die Basis unseres auf Egalität und Solidarität fußenden demokratischen Zusammenlebens sukzessiv unterwandern.

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