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Bundestagswahl 2021 – Kein Ergebnis für Bildung und Schule

In der Elefantenrunde von ARD und ZDF spielt Bildung keine Rolle. Stehen wir vor einem weiteren Jahrzehnt des Bildungsversagens und der weiteren Spaltung der Gesellschaft?

Habe ich geschlafen oder war es allein die Vertreterin der Linken, die das Thema Bildung kurz einmal erwähnte? Tatsächlich ging es in dem Hahnenkampf der Parteien der Großen Koalition um den Posten des Bundeskanzlers um viele Themenfelder, die entscheidend für die kommenden vier Jahre sein sollen. Aber Bildung hatte in dieser Runde keine Priorität. Wieder einmal werden die Zukunftschancen unserer nachwachsenden Generation marginalisiert. Wichtig für sie sei allein das Thema Klima, dessen Umsetzung zwischen Grün und Gelb ausgehandelt werden soll.

Dies ist ein trauriges Ergebnis einer Wahl, in der wir Deutsche uns einen politischen Wechsel doch nicht zugetraut haben. Schade ist es, dass zu viele von uns der Demagogie eines Markus Söder, der das totale Versagen seiner Partei rhetorisch geschickt wegredete. Und auch Armin Laschet hat anscheinend mit seiner Warnung vor Rot-Rot-Grün viele von uns verängstigt. Lustig war es mitanzusehen, wie er seinen Schiffbruch als Wahlkämpfer in einen Fastsieg umzumünzen versuchte. Kandidaten eines politischen Wandels sind beide nicht in ihrer Angsttreiberei. Doch sie werden in den nächsten Wochen die Atmosphäre in den anstehenden Koalitionsverhandlungen mitbestimmen und das gesellschaftliche Klima der Verängstigung weiter schüren. Das ist ihre Form der christlichen Nächstenliebe.

Aufbruch geht anders!

Ein politischer Aufbruch war in der Elefantenrunde kaum zu erkennen. Dafür hat die FDP als Zünglein an der Waage zu wenig mit offenen Karten gespielt. Diese Partei ist derzeit schwer zu durchschauen. Sie hat sich in den letzten Jahrzehnten von einer sozialliberalen in eine rechtskonservative neoliberale Partei gewandelt. Ob sie erkennen wird, dass sie sich selbst in einer Jamaikakoalition zu einer Partei des CDU-Weiterso machen würde? Es bleibt zu hoffen, dass die FDP mit den Grünen einen Weg zu einer klimagerechten Wirtschaft- und Umweltpolitik finden wird. Die SPD wird dabei die Aufgabe der sozial gerechten Abfederung zukommen.

Wandel zu einer klimagerechten und sozialen Gesellschaft

Um den Wandel zu einer klimagerechten und sozialen Gesellschaft der „Mitte“ hinzubekommen, muss neben den notwendigen Reformen in der Umweltpolitik auch der soziale Zusammenhalt unserer Gesellschaft gestärkt werden. Christian Lindner sprach gestern viel von einer Wahl, die die Mitte gestärkt hat. Dass diese Mitte unserer Gesellschaft aber durch den Neoliberalismus der letzten Jahrzehnte zerrissen ist, darf nicht übersehen wird. Wenn die Worte Lindners in der Elefantenrunde nicht nur schnöde Politikerrhetorik sein sollen, dann muss sich auch die FDP für die Stärkung der Mitte und damit für den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft einsetzen. Dies ist kein Sozialismus, sondern das Schaffen von Freiheitsräumen für Menschen in prekären Lebenssituationen. Auch diesen Menschen muss eine faire Teilhabe an kulturellen und vor allem Bildungsangeboten ermöglicht werden.

Die Chancenungerechtigkeit unseres Bildungssystems muss beseitigt werden.

Wenn die soziale Herkunft das zentrale Kriterium für die Vergabe von Bildungschancen ist, dann spricht dies nicht für ein liberales Bildungssystem. Andreas Schleicher hat als Direktor des OECD-Instituts für Bildungsforschung in einem Interview des Deutschlandfunks wiederholt betont, dass die Chancengerechtigkeit die zentrale Baustelle unseres Bildungssystems ist.

„Chancengerechtigkeit bleibt die größte Herausforderung.“

Die Aussage Schleichers „Chancengerechtigkeit bleibt die größte Herausforderung“ gilt auch für die Koalitionsverhandlungen. FDP und Grüne dürfen diese im Zuge ihrer Verhandlungen über Liberalisierung und klimagerechte Umweltpolitik nicht vom Tisch fallen lassen. Und die FDP muss anerkennen, dass Schule kein Markt ist, in dem ein Sozialdarwinismus des Survival-of-the-Fittest herrschen darf, wie es momentan der Fall ist.

In Kategorie: Demokratie, Lehrer, Politik, Schule

Über den Autor

Veröffentlicht von

Mark Hagelt lebt seit vielen Jahren mit Kind und Kegel als Lehrer in Norddeutschland und hat in seinem Roman "Schulfrei" eigene Erfahrungen aus der Lehrerausbildung eingearbeitet. Das Manuskript ist bereits vor über 20 Jahren verfasst worden, lag dann aber nach ersten Veröffentlichungsversuchen lange im Regal und wurde erst kürzlich wiederentdeckt. Die im Roman thematisierten gesellschaftlichen Hierarchien und Ausgrenzungstendenzen beschäftigten den Autoren seit Langem, teilweise auch in wissenschaftlichen Bestrebungen, und scheinen ihm heute ausgeprägter zu sein, als in der Zeit des Verfassens des Werks. Daher erscheint ihm die Auseinandersetzung mit subtilen Formen der Unterdrückung und struktureller Gewalt aktueller denn je, da sie die Basis unseres auf Egalität und Solidarität fußenden demokratischen Zusammenlebens sukzessiv unterwandern.

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