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Corona-Alltag mit Lüftungsgeräten in der Schule

Seit Kurzem sind zum Schutz vor Corona-Viren in allen Klassenräumen Hamburger Schulen Lüftungsgeräte aufgestellt. Die ersten Tage liefern skurrile Ergebnisse.

Ein befreundeter Lehrer aus Hamburg berichtete mir gerade seine ersten Erfahrungen mit Lüftungsgeräten und zeigte mir mal wieder auf, wofür wir Lehrerinnen und Lehrer zweckentfremdet werden, anstatt guten Unterricht planen und geben zu können. Folgende Punkte sind in Erinnerung geblieben:

Schritt 1: Anlieferung der Lüfter

Der eigentliche Plan der Schulleitung, die Lüftungsgeräte durch externe Kräfte außerhalb der Schulzeit aufzustellen, schlug leider fehl. Letztendlich wurden die Tutoren bzw. Klassenlehrer beauftragt, zu kontrollieren, ob die richtigen Geräte in ihrem Klassenzimmer stehen würden. Irgendwann während seines Unterrichts brachten dann Schülerinnen einer anderen Klasse drei Lüftungsgeräte in die Klasse des Bekannten. Da standen sie nun.

Schritt 2: Positionieren der Lüfter

Da offensichtlich niemand dafür verantwortlich war, die Lüftungsgeräte an einem geeigneten Standort im Klassenraum aufzustellen, sichtete der Bekannte dann ein von der Schulleitung vorsorglich an alle Kolleginnen und Kollegen der Schule gesandtes Papier mit Hinweisen zur Aufstellung der Geräte. Auf den 10 Seiten wurde anhand von Beispielräumen erklärt, wo die Lüftungsgeräte zu stehen hätten, um eine Reinigung der Luft von Aerosolen bewirken zu können. Leider entsprach keiner der Beispielräume den räumlichen Gegebenheiten des Klassenraums, so dass erst nach einigem vergleichenden Betrachten der Beispiele eine sinnvoll erscheinende Lösung gefunden wurde.

Schritt 3: Einschalten der Lüfter

Nach dem Positionieren wurden die Geräte eingeschaltet und mein Bekannter fragte sich, wie er diese einstellen müsste. Er wählte die Einstellung „Automatik“ und die gerate summten erfreulich leise vor sich hin. – Na geht doch! Mein Bekannter war zufrieden und konnte sich wieder dem Unterricht widmen.

Schritt 4: Reinigen die Lüfter die Luft ausreichend vor Aerosolen?

Die Zufriedenheit blieb nicht lange. Mein Bekannter stellte am Folgetag eine Ampel in seinem Klassenraum auf, die anzeigt, wann zu viele Aerosole in der Luft sind und gelüftet werden muss. Kaum war die Ampel aufgestellt, die Lüftungsgeräte eingeschaltet und die Fenster geschlossen, wechselte die auf dem Lehrerpult stehende Ampel vom beruhigenden Grün auf Gelb. Schnell wurden die Lüftungsgeräte auf eine hohe Leistungsstufe gestellt. Aus dem leisen Säuseln wurde so ein deutliches Rauschen, dass nur den Vorteil hatte, dass nun der Lüfter des Beamers nicht mehr gehört werden konnte. Mein Bekannter beobachtete die Ampel und war gespannt, wann sie von Gelb wieder auf Grün wechseln würde. Nach einer Viertelstunde – auch manche Schülerinnen und Schüler waren mittlerweile aufmerksam geworden – war nichts passiert. Also wurde stoßgelüftet. Aber die Ampel blieb trotzdem auf Gelb. Schließlich wurde das Warngerät auf eine Fensterbank direkt neben einem Lüftungsgerät gestellt. Zack – die Ampel sprang wieder auf Grün. Na geht doch! Meinem Bekannten war nicht wohl bei der Sache.

Schritt 5: Fortbildung zum Klimatechniker?

Mein Bekannter ist irritiert. Er besitzt durchaus technischen Sachverstand, wohnt in einem selbst gebauten Niedrigenergiehaus mit Lüftungssystem und versteht mehr als ich von der Materie. Trotzdem versteht er nicht, warum die Lüftungsgeräte die Luft nicht von Aerosolen so gereinigt haben, dass die Ampel auf Grün gegangen ist. Er ist halt kein Klimatechniker, soll es aber wohl in den Augen seiner Schulleitung sein. Und zudem soll er die Verantwortung für den Raum und die dort sitzenden Schülerinnen und Schüler übernehmen. Kann er dies, wenn er selbst den Geräten nicht vertrauen kann, die in seinem Klassenraum stehen?

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Mark Hagelt

In Kategorie: Corona, Politik, Schule

Über den Autor

Veröffentlicht von

Mark Hagelt lebt seit vielen Jahren mit Kind und Kegel als Lehrer in Norddeutschland und hat in seinem Roman "Schulfrei" eigene Erfahrungen aus der Lehrerausbildung eingearbeitet. Das Manuskript ist bereits vor über 20 Jahren verfasst worden, lag dann aber nach ersten Veröffentlichungsversuchen lange im Regal und wurde erst kürzlich wiederentdeckt. Die im Roman thematisierten gesellschaftlichen Hierarchien und Ausgrenzungstendenzen beschäftigten den Autoren seit Langem, teilweise auch in wissenschaftlichen Bestrebungen, und scheinen ihm heute ausgeprägter zu sein, als in der Zeit des Verfassens des Werks. Daher erscheint ihm die Auseinandersetzung mit subtilen Formen der Unterdrückung und struktureller Gewalt aktueller denn je, da sie die Basis unseres auf Egalität und Solidarität fußenden demokratischen Zusammenlebens sukzessiv unterwandern.

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