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Endlich – Corona positiv!

Was für ein Titel? Sich über einen positiven Corona-Befund zu freuen, scheint vollkommen abwegig zu sein. Doch mir ging es in der vergangenen Woche tatsächlich so.

Alles begann damit, dass meine Frau vor eineinhalb Wochen mir nichts, dir nichts mitteilte, dass sie wegen einer möglichen Corona-Infektion in ihrer Schule in häusliche Quarantäne müsse. Zum Glück haben wir in unserer Wohnung viel Platz, so dass ich ihr das gemeinsame Schlafzimmer überlassen und mich auf das Schlafsofa in meinem Arbeitszimmer zurückziehen konnte. Tatsächlich entwickelte meine Frau, die ab dem Beginn der Quarantäne das Schlafzimmer kaum verließ und meist in Augenblicken mit FFP2-Maske durchs Haus geisterte, wenn niemand sonst zugegen war, in den nächsten Tagen deutliche Krankheitssymptome. Sie hatte aber auch bereits kurz vor Beginn der Quarantäne leichte, die aber denen ihres allergiebedingten Asthmas entsprachen.

Letztes Wochenende waren dann ihre Schnelltests positiv und der PCR-Test bestätigte die Infektion. Für uns als Familie hieß dies, dass wir weiter die häusliche Quarantäne zu leben hatten und uns untereinander vor Infektionen schützen mussten. Am Samstag vor einer Woche übernahm ich den normalerweise von meiner Frau durchgeführten Samstagseinkauf und es wurde der größte Lebensmitteleinkauf meines bisherigen Lebens. Warum? Was wäre, wenn ich mich bei meiner Frau infiziert hätte? Ich hielt es für angebracht auf diesen Fall vorbereitet zu sein. Meine Frau und ich waren bereits mehrfach für einzelne Tage oder gar ganze Wochen in Quarantäne geschickt worden. Wir kannten die Abläufe bereits und waren routiniert. Wir hatten das Bangen in diesen Tagen bereits mehrfach erlebt, waren aber mit der Zeit und vor allem Dank der Impfungen – wir sind alle dreifach geimpft – cooler geworden. Trotzdem verfolgt einen das Bangen, da meine Frau und ich als Lehrer*innen in einem sehr eigenverantwortlichen Arbeitsrhythmus getaktet sind, der uns am Arbeitsplatz eigentlich unersetzlich macht. In professionell organisierten Betriebsabläufen gibt es immer einen Ersatz an Personal, der Krankheitsausfälle ersetzen kann. In Schulen ist dies jedoch so organisiert, dass jeder Ausfall eine Verschlechterung der Unterrichtsqualität bedeutet.

Mit dieser Sorge im Kopf lief ich nun herum, kalkulierte und überlegte, was ich in welchem Fall zu tun hätte: Was muss in den Abi-Kursen noch gemacht werden, so kurz vor dem Beginn der Prüfungen? Wie steht es um die Klausuren? Was ist mit dem Projekt X in Kurs Y? Aber ich war ja gesund. Meine Stimme war zwar in den letzten Tagen etwas belegt, aber das hatte ich wegen einer Vorerkrankung meiner Bronchien ab und zu. Eigentlich kein Grund, um besorgt zu sein.

Doch dann kam die Nacht vom Samstag auf Sonntag. Als ich nachts wach wurde, spürte ich ein deutliches Ziehen in meinen Bronchien. Ich überlegte kurz, ob ich mein Asthmaspray genommen hatte. Hatte ich. War das Corona? – Aber es fühlte sich genau so an, wie ich es schon oft erlebt hatte, wenn ich mal mein Spray vergessen oder mir einen Infekt eingehandelt hatte. Eine Unruhe machte sich in mir breit und ließ mich nicht mehr los.

Am Sonntag beobachtete ich dann genau das Ziehen in meiner Brust, das sich kaum veränderte, aber gar nicht den Corona-Symptomen entsprach, die meine Frau schilderte. Keine laufende Schnupfennase hatte ich, sondern eine trockene mit leicht geschwollenen Schleimhäuten. Meine Frau hustete, während ich dieses Ziehen in den oberen Bronchien spürte, das sie nicht bei sich fühlte. Die Symptome waren deutlich unterschiedlich. Dann kam noch meine Stimme hinzu, die, wie ich erst am Sonntag in einem Gespräch mit meinem Kind feststellte, stark angegriffen war. Ja, ich fühlte einen Kloß im Hals und dann waren da noch meine Lympfknoten unter meinem Unterkiefer, die fest wie hartgekochte Eier waren. Ganz gesund war ich nicht. Das war sicher! Aber war es diese Krankheit, die die ganze Welt besorgt?

Die Unsicherheit über meinen Krankheitszustand klärte sich auch nicht während eines kurzen Nachmittagsspaziergangs auf einem menschenleeren Weg, den ich vorsichtshalber gewählt hatte. Im machte allerdings früh kehrt. Ich fühlte mich schwach und hatte manchmal das Gefühl, dass der Boden unter mir schwanken würde. Zuhause angekommen legte ich mich auf mein Schlafsofa im Arbeitszimmer und hämmerte eine Krankmeldung in die Tasten des MacBooks. Drei Tage würde ich wohl brauchen, bis ich wieder gesund bin. Auch wenn meine täglichen Schnelltests seit dem vorherigen Freitag negativ waren, deutete ich aber meiner Schule an, dass ich eventuell Corona haben könnte.

Die fehlende Eindeutigkeit, die fehlende Sicherheit über meinen Gesundheitszustand nervte. Trotz meiner Schwäche entwickelte ich noch Arbeitsaufträge für meine Oberstufenkurse am kommenden Tag, die über die Lernplattform meiner Schule allen Schüler*innen übermittelt wurden. Aber danach war die Unruhe über mein Befinden wieder da. Für jemanden, der daran gewöhnt ist, regelmäßig zu funktionieren und seinen stressigen Job routiniert abzuspulen, ist Krankheit eine psychische Last, die mit einem Gefühl des persönlichen Scheiterns verbunden ist. Ich war unzufrieden mit mir selbst, was auch in unserem Quarantänehaushalt nicht unbemerkt blieb.

Der Stand am Montagmorgen: Meine Frau hatte am Wochenende Besuch vom „Gesundheitsamt“ bekommen und einen PCR-Test gemacht. Sie war jetzt wirklich krank, lag schwach und hustend im Bett und musste von mir mit Essen versorgt werden. Ich schmiss, der ich doch selbst schwächelte, den Haushalt. Was wäre, wenn es mir so schlecht wie meiner Frau gehen würde? Eine neue Sorge breitete sich in mir aus. Und dann klagte unser Kind, dass es sich krank fühle. Da unser Teenager eine ausgeprägte Schulunlust hat, was bei zwei Lehrer*inneneltern nicht immer lustig für die Erziehenden ist, kam es oft vor, dass sie über Unwohlsein klagte. Also gab es auch hier keine Eindeutigkeit: War es nur die besagte Unlust oder eine Erkältung, weil unser sechzehnjähriges „Kind“, was wettergemäße Kleidung anging, dem Look eindeutig den Vorzug vor der temperaturschützenden Funktionalität gab.

Die morgendliche Schnelltestrunde des Kindes und meinerseits führte weiterhin zu einem negativen Testergebnis. Mittlerweile war es aber so, dass wir nach dem Einträufeln der Testflüssigkeit in den Test häufiger als am Anfang auf das Testergebnis starrten. Sind wir nun auch positiv, wie es offensichtlich der Fall bei meiner Frau war? Nein, am Montag blieben unsere mit Argusaugen betrachteten Schnelltests so negativ, wie Schnelltests nur sein konnten. Und meine Frau versicherte, dass die von uns verwendeten Tests wirklich sicher sind und bei ihr innerhalb einer halben Minute angeschlagen hätten. Und ich starrte Tag für Tag zunehmend in kürzeren Rhythmen eine viertel Stunde lang auf den Test – doch nichts tat sich.

Kränkelnd lagen wir alle drei in unseren Zimmern, was in meinem Fall bis heute – eine weitere Woche später – mein kleines Arbeitszimmer ist. Am Montagabend erhielt meine Frau dann die Bestätigung vom Gesundheitsamt: Ihr PCR-Test war positiv. Wir hatten Klarheit und das Wissen, dass die Quarantäne in unserem Haus eine weitere Woche mindestens anhalten würde. Meine Frau schlich weiterhin dann durch das Haus, wenn Kind und ich in unseren Zimmern waren, so dass Begegnungen möglichst vermieden wurden. Auch hatte ich beim Großeinkauf viel Desinfektionszeug besorgt, so dass meine Frau im Bad und in der Küche alle Flächen desinfizieren konnte, die sie trotz Maske hätte infizieren können. Als Sonderpädagogin arbeitet meine Frau mit schwerbehinderten und teilweise schwerkranken Kindern und ist deshalb sehr gut geschult in Fragen der Hygiene.

Also war es nicht sicher, dass meine Frau unser Kind und mich auch angesteckt haben könnte. Die negativen Schnelltests bewiesen es doch! Sie hatten es Freitag, Samstag, Sonntag und Montag bewiesen. Und dann kam der Dienstag! Ich hatte nachts schlecht geschlafen. Eine Unruhe plagte mich und kurz nach fünf hielt mich nichts mehr auf dem Schlafsofa. Ich machte meine Morgenroutine und dann in der Küche wieder einen Schnelltest. Und wieder tropfte es in den blauweißen Test. Die Flüssigkeit ließ sich etwas Zeit und kroch dann langsam den Teststreifen hinauf, vorbei am achtlos passierten T, das einen positiven Test anzeigt, und vorbei am C, das kurz darauf in prächtigem Rot erstrahlte. Tat sich etwas am T? Immer wieder scannte mein Auge den Corona-Test, doch das makellose Weiß des Teststreifens veränderte sich nicht.

Wenn ich jetzt also nicht selbst mit Omikron infiziert bin, wenn meine Erkältungssymptome einen anderen Grund haben und wenn sie bis Mittwoch vorbei wären, dann könnte ich ab Donnerstag wieder in der Schule unterrichten. Wenn, wenn, wenn – die Ungewissheit nervte mich zusehends, sodass ich eine Email an meinen Hausarzt schrieb, dieser einen PCR-Test vorschlug und ich diesen trotz bisher nur negativer Schnelltest durchführen ließ. Ansonsten „wirbelte“ ich weiter als Hausmann durch die Wohnung, versorgte meine Frau und legte Ruhepausen ein, um mich zu schonen.

Mittwoch: Wieder hatte ich eine unruhige Nacht. Ich hatte geschwitzt und erst auf Angstschweiß getippt, weil ich mir Sorgen um die Gesundheit meiner Frau machte, der es deutlich schlechter als mir ging. Meine Stirn fühlte sich aber warm an. Und tatsächlich bestätigte das Fieberthermometer meinen Verdacht – 38,5º Grad. Ich hatte Fieber. Das muss Corona sein, ging es mir durch den Kopf. Was anderes war doch einfach ausgeschlossen. Im Bademantel schlurfte ich in die Küche, griff in die Schnelltestbox und führte wieder einen Schnelltest durch. Wieder eine Viertelstunde bangen und dann das gleiche Bild wie an den Vortagen: makellose Weiße beim T, ein satter roter Balken beim C.

Donnerstag: Meine trockene Nase war über Nacht einem Schnupfen mit glasig-wässrigem Schleim gewichen. Das Ziehen in den Bronchien hatte sich mittlerweile gelegt, dafür kam aber ein trockener Husten hinzu. Und wieder begann das Schnelltestritual: Test nehmen, in der Nase herumstochern, das kitzelige Brennen ignorieren, das einem die Tränen in die Augen treibt, Stäbchen in der Testflüssigkeit rühren, Flüssigkeit in den Test tropfen und warten. Wieder ging die Flüssigkeit ihren Weg und brachte den roten Balken beim C intensiv zum Leuchten. Aber was war das? War da beim T ein leichter Hauch von rotem Streifen zu erkennen? Ich blickte genau auf den Messstreifen. Nein, es waren nicht nur leichte Schatten der Oberflächenstruktur des Flies, nein, es war der zarte Hauch eines Rots.

Und ich freute mich!

So blöd es klingt. Ich freute mich darüber Corona positiv zu sein. Es war zwar nur ein Schnelltest und es war auch nur ein schwacher Schein einer Rötung, der sich nach über zehn Minuten des Wartens zeigte. Aber es war ein Indiz für Klarheit und Gewissheit, die mich für einen Augenblick aus der Unsicherheit über meine Gesundheit riss.

Der Rest ist schnell erzählt: Auch der Schnelltest des Kindes zeigte an diesem Morgen ein schwaches Rot, unsere Erkrankungen nahmen zudem zu, mein PCR-Test erwies sich spätabends auch positiv und meine Frau verzichtet seitdem auf die FFP2-Maske und innerhäusliche Quarantänemaßnahmen. Nun waren wir wieder eine Familie, aber eben kollektiv in Quarantäne. Gut, dass ich so viel Vorräte eingekauft hatte, denn am Freitag erhielt schließlich auch unser Kind einen positiven PCR-Test, so dass es nicht für uns einkaufen könnte.

P.S.: Am Freitagmorgen stand ich wieder in der Küche und blickte auf die Schnelltestbox. Hey, ich bin doch positiv. Warum jetzt noch einen Schnelltest machen? Es juckte in meinen Fingern und ich nahm mir einen der knapper werdenden Tests. Und kaum berührte die Flüssigkeit das Testflies, schoss es den Teststreifen hinauf und innerhalb von weniger als 10 Sekunden leuchteten mir zwei blutrote Teststreifen entgegen. Nun wusste ich endlich, warum diese Dinger, die mich schier zur Verzweiflung gebracht hatten, Schnelltests hießen.

Mark Hagelt

In Kategorie: Corona, Lehrer, Literatur, Schule

Über den Autor

Veröffentlicht von

Mark Hagelt lebt seit vielen Jahren mit Kind und Kegel als Lehrer in Norddeutschland und hat in seinem Roman "Schulfrei" eigene Erfahrungen aus der Lehrerausbildung eingearbeitet. Das Manuskript ist bereits vor über 20 Jahren verfasst worden, lag dann aber nach ersten Veröffentlichungsversuchen lange im Regal und wurde erst kürzlich wiederentdeckt. Die im Roman thematisierten gesellschaftlichen Hierarchien und Ausgrenzungstendenzen beschäftigten den Autoren seit Langem, teilweise auch in wissenschaftlichen Bestrebungen, und scheinen ihm heute ausgeprägter zu sein, als in der Zeit des Verfassens des Werks. Daher erscheint ihm die Auseinandersetzung mit subtilen Formen der Unterdrückung und struktureller Gewalt aktueller denn je, da sie die Basis unseres auf Egalität und Solidarität fußenden demokratischen Zusammenlebens sukzessiv unterwandern.

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