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Gelassen bleiben in der Zeit des Kriegs in der Ukraine

Geht das? Können wir – kannst du und kann ich einfach gelassen bleiben, während Vladimir Putin einen verbrecherischen und die Menschenrechte verachtenden Krieg gegen die Ukraine und die Demokratie, die NATO und den Westen führt? Allein schon diese Frage schreit nach einem klaren Nein. Und doch ist es wichtig, sich in dieser Zeit, in der die Grundwerte unseres Lebens und die festen Strukturen unseres Weltverständnisses erschüttert und in Frage gestellt werden, Ruhe zu bewahren.

Dies heißt nicht einfach im Alltagstrott weiter seinen Routinen zu folgen und das Weltgeschehen zu ignorieren. Diese Form der Gelassenheit, die sich aus der Philosophie Martin Heideggers ableiten lässt, ist wie schon immer ein Irrweg des Menschen, der auf einem falschen Welt- bzw. Seinsverständnis fußt. Aber ich möchte mich hier nicht in den Tiefen philosophischer Letztbegründung verlieren, sondern zurück zu dem uns bewegenden und erschütternden Krieg in der Ukraine kehren, der uns all so aufwühlt.

Wenn Teilnahmslosigkeit á la Heidegger der falsche Weg ist, mit welcher Haltung sollen wir dann in dieser trüben Gegenwart durch den Tag schreiten. Ich empfehle eine selbstbewusste Gelassenheit. Wenn wir dem Wortsinn von „selbstbewusst“ nachgehen, dann heißt dies mehr als einfach nur ich-stark aufzutreten. Es meint, sich seiner selbst bewusst zu sein. Und das heißt in diesen Kriegszeiten auch, sich der eigenen Ängste, die durch den Krieg, die Flüchtlingsströme, die steigenden Benzinpreise, die populistischen Propagandafeldzüge usw. ausgelöst werden bewusst zu sein. Es ist ganz normal, dass wir in unserem Inneren erschüttert und besorgt sind bei dem, was gerade vorgeht. Kein Tag ohne grausame Kriegsbilder!

Sorge, Angst und Panik schleicht sich in unsere Normalität ein und verändert unser vordem so unglaublich friedliches Dasein radikal. Doch dieser Umbruch und die dadurch ausgelösten Emotionen sollten und dürfen uns nicht überrumpeln. Selbstbewusst in diesem Sinne zu sein, heißt, die eigenen Emotionen wahrzunehmen und sich mit diesen auseinanderzusetzen. Diese emotionale Auseinandersetzung verlangt neben dem Wahrnehmen der eigenen Erschütterung auch das Sublimieren der eigenen Gefühle. Im psychoanalytischen Sinne meint dies, die eigenen Ängste in produktives Handeln umzuleiten.

Beispielsweise habe ich meine Kriegssorgen vor einigen Tagen dadurch sublimiert, dass ich an einer Demonstration mit über 30.000 Menschen in Hamburg teilnahm. Die dort gehaltenen klugen Reden, der Beifall zu diesen und das Zusammensein mit so unglaublich vielen Menschen, die auch meine Sorgen und meine Ansicht über die Falschheit und Verwerflichkeit dieses Kriegs teilten, stärkte mich ungemein. Meine Angst verflog und machte einer Entschlossenheit Platz sich für die Grundwerte unserer Demokratie einzusetzen und gegen Putins Kriegsverbrechen zu agieren. Auch meine Aktion „1000 Emails für den Frieden“ entsprang diesem Entschluss.

Nun mag man einwenden, dass man auch durch soziale Netzwerke diese Sublimierung erreichen könnte. Dem widerspreche ich entschieden. Wenn wir wie ich etwa in meinem Twitteraccount „@MHagelt“ aktiv bin, dann bin ich ebenso wie du vor allem im Kopf aktiv – lesend, nachdenkend, schreibend. Der Rest meines Körpers ist in dieser Situation passiv, während ich in der Virtualität einer künstlichen Welt unterwegs bin. Anders ist es, wenn ich an einer Demonstration teilnehme und das reale Geschehen dieser wahrnehme. Diese Realbegegnungen, Blicke mit anderen Menschen zu tauschen, sich zuzunicken, anzulächeln hat einen emotional vollkommen anderen Wert als es das kopfgesteuerte Erleben in der Virtualität haben kann.

Soziale Netzwerke sind Medien, die im Zeitalter des Kriegs Sorgen und Ängste in unseren Alltag bringen. Bis zu einem gewissen Grad ist dies auch gut so. Sie dürfen uns aber nicht überrollen und uns aus dem Gleichgewicht bringen. Hier soll und muss die selbstbewusste Gelassenheit greifen, in der wir uns gezielt durch Handeln wieder ins Gleichgewicht bringen. Ob dies durch die Teilnahme an einer Demonstration geschieht oder eine andere Realbegegnung in unserer Familie, mit unseren Freunden oder Kolleg*innen am Arbeitsplatz ist egal. Wichtig ist es, dass wir uns gegenseitig stärken und uns unserer Grundwerte versichern. Dies macht uns stark und schwächt unsere Gegner – Putin und seine Unterdrücker der Demokratie und Freiheit.

Rücken wir zusammen und streiten wir zivil und gelassen für unsere demokratische Gesellschaft!

Mark Hagelt

In Kategorie: Demokratie, Krieg, Politik, Russland, Ukraine

Über den Autor

Veröffentlicht von

Mark Hagelt lebt seit vielen Jahren mit Kind und Kegel als Lehrer in Norddeutschland und hat in seinem Roman "Schulfrei" eigene Erfahrungen aus der Lehrerausbildung eingearbeitet. Das Manuskript ist bereits vor über 20 Jahren verfasst worden, lag dann aber nach ersten Veröffentlichungsversuchen lange im Regal und wurde erst kürzlich wiederentdeckt. Die im Roman thematisierten gesellschaftlichen Hierarchien und Ausgrenzungstendenzen beschäftigten den Autoren seit Langem, teilweise auch in wissenschaftlichen Bestrebungen, und scheinen ihm heute ausgeprägter zu sein, als in der Zeit des Verfassens des Werks. Daher erscheint ihm die Auseinandersetzung mit subtilen Formen der Unterdrückung und struktureller Gewalt aktueller denn je, da sie die Basis unseres auf Egalität und Solidarität fußenden demokratischen Zusammenlebens sukzessiv unterwandern.

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