Figurengeschichte* – Charlene

Figurengeschichte* – Charlene

Figurengeschichte* – Charlene

„So geht es nicht weiter!“

Charlene schimpfte wie fast jeden Morgen mit ihrem Sohn, der mal wieder nicht aus den Federn fand, weil er mit seinem Kumpel Ahmet zu lange in der Shishabar abgehangen hatte. 

„So geht es nicht weiter! So schaffst du nie deinen Schulabschluss.“

Wütend stampfte sie aus dem unaufgeräumten und mit düsteren Postern vollgehängten Zimmer ihres Sohnes, als es plötzlich an der Tür ihrer Wohnung klingelte.

Nanu, wunderte sich die Frau, um diese Zeit? Ist das etwa wieder der Ali. Mit ihrem Nachbarn war nicht zu spaßen. Er war ein wuchtiger Kerl, der alle Klischees seines Berufes verkörperte und mit seinem glatzköpfigen Äußeren und seinem großen Körper immer bedrohlich auf seine Mitmenschen wirkte. Charlene sammelte sich schon innerlich, um diesem groben Klotz ein paar heftige Worte an den Kopf zu werfen, doch als sie die Tür heftig aufriss und mit einem stechenden Blick in die Höhe blickte, sah sie nur das schmutzige Treppenhaus ihres heruntergekommenen Plattenbaus. 

„Hi, Charlene, mein Schätzchen.“

Suchend fuhr ihr Blick nach unten und sie sah – sie sah das gealterte Wrack des Erzeugers ihres Sohnes.

„Norbert?“ Sie war überrascht, so überrascht, dass sie all die Wut, die sie seit der Zeit, als Norbert sie verlassen hatte, naja, verlassen war eigentlich nicht das richtige Wort, denn eigentlich war Norbert damals der Lebensgefährte ihrer Mutter gewesen, mit dem sie aus Wut über diese und weil sie sich seiner aufdringlichen und übergriffigen Annäherungsversuche nicht verwehren konnte eine Affäre einging, die kein gutes Ende nahm. Eines Tages ertappte ihre Mutter sie, als sie wegen einer Unpässlichkeit verfrüht von der Arbeit kam, im Bett. 

Fassungslos erinnerte sich Charlene wieder daran, wie Norbert ihrer Mutter erzählte, dass sie ihm schöne Augen gemacht hätte, derer er sich nicht erwehren konnte. Er, der sie monatelang in unbeobachteten Augenblicken angetatscht hatte, so dass sie ihm möglichst aus dem Weg ging, bis es bei der Geburtstagsfeier ihrer Mutter dazu kam, dass er sie erst betrunken machte und dann verführte.

„Was in aller Welt willst du denn hier?“

„Hey, Charlene. Hast du unsere schönen Zeiten vergessen?“

Die Frau fühlte sich, als wäre sie in einer anderen Realität. Was glaubte dieser alte Mann sich erlauben zu können nach all dem, was er ihr angetan hatte.

„Na, wenn du keine Zeit für mich hast, dann ist vielleicht deine Mutter da?“

Fassungslos und hilflos blickte sie sich um. Nein, ihre Mutter schlief noch wie immer um diese Zeit.

An seinen Sohn dachte er nicht, ging es Charlene durch den Kopf, als sie die Tür mit großem Schwung in das Schloss knallen ließ.


*Figurengeschichte: Eine Figurengeschichte ist eine Textform des kreativen Schreibens, die vor allem im Unterricht verwendet wird. Vier Gruppen einer Klasse erhalten ohne Hinweis auf das weitere Geschehen die Aufgabe, eine gemeinsame Figur zu entwerfen. Man beginnt am besten mit Name, Geschlecht, Alter, Aussehen, Familie, Beruf, Hobbys, Persönlichkeit, etc. Nach einer viertel Stunde stellen die Gruppen nacheinander ihre Figuren vor und der Kursleiter notiert die vier Figurenbeschreibungen knapp an der Tafel. Danach erhalten alle die Aufgabe, eine Geschichte zuschreiben, in der alle vier Figuren auftauchen. Dabei ist es egal, ob nur eine der Figuren eine Hauptfigur ist oder alle. Um ins Schreiben zu kommen, ist es eine gute Hilfe, die Geschichte an einem Ort spielen zu lassen, an dem sich viele Menschen begegnen (Bahnhof, Bus, Kneipe, Stadion, …). Wichtig zu wissen ist, dass die Hinweise zu den Figuren nicht im Text erwähnt werden müssen, sondern dass die Figuren den Hinweisen entsprechen müssen. Zudem können Leerstellen natürlich ausgefüllt werden.

Der hier vorgestellte Text ist zu Figurenbeschreibungen meiner Schüler*innen entstanden.

Veröffentlicht von

markhagelt.org

Mark Hagelt lebt seit vielen Jahren mit Kind und Kegel als Lehrer in Norddeutschland und hat in seinem Roman "Schulfrei" eigene Erfahrungen aus der Lehrerausbildung eingearbeitet. Das Manuskript ist bereits vor über 20 Jahren verfasst worden, lag dann aber nach ersten Veröffentlichungsversuchen lange im Regal und wurde erst kürzlich wiederentdeckt. Die im Roman thematisierten gesellschaftlichen Hierarchien und Ausgrenzungstendenzen beschäftigten den Autoren seit Langem, teilweise auch in wissenschaftlichen Bestrebungen, und scheinen ihm heute ausgeprägter zu sein, als in der Zeit des Verfassens des Werks. Daher erscheint ihm die Auseinandersetzung mit subtilen Formen der Unterdrückung und struktureller Gewalt aktueller denn je, da sie die Basis unseres auf Egalität und Solidarität fußenden demokratischen Zusammenlebens sukzessiv unterwandern.

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