Antizipation, Verdrängung oder Verblendung der dritten Corona-Welle

Antizipation, Verdrängung oder Verblendung der dritten Corona-Welle

Antizipation, Verdrängung oder Verblendung der dritten Corona-Welle

Wir sind mittendrin in der dritten Corona-Welle. Die Covid-Variante B 1.1.7 breitet sich derzeit unaufhaltsam aus. Steil steigende Inzidenzzahlen liefert das RKI seit Tagen. Wie gehen wir in Deutschland mit dieser Situation um? In den Medien ist allerorten von Corona-Müdigkeit die Rede. „Schwarzseherei führt zu Depression und Aggression“, warnt Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung.

https://www.sueddeutsche.de/meinung/corona-prantl-hoffnung-katastrophismus-1.5247799

Festzustellen ist, dass in Deutschland derzeit eine negative Stimmung vorherrscht, die uns zu unterschiedlichen Verhaltensweisen verleitet: Antizipation, Verdrängung oder Verblendung.

Verdrängung

Beginnen wir mit der Verdrängung: Da kutschiert am Wochenende eine in sozialen Netzwerken aufgestachelte Gruppe von Wohnmobilfahrern durch Hamburg, erfahren wir vom NDR.

https://www.ardmediathek.de/video/hamburg-journal/mehrere-demos-gegen-corona-beschraenkungen-in-hamburg/ndr-hamburg/Y3JpZDovL25kci5kZS84NzExMzYzYS04NDE2LTQ3ZjUtOTJjOC01ZDBiMzQzMTA2ZmI/

Sie verstehen sich als sogenannte „Freiheitsfahrer“, wobei man durchaus die Frage stellen sollte, was diese Leute unter Freiheit verstehen. Sicherlich nehmen sie sich die Freiheit, sich in einem Autokorso durch die engen Straßen einer Großstadt zu quetschen und dabei munter Abgase in die Welt zu setzen. Sie kämpfen gegen das Beherbergungsverbot bzw für das Recht, derzeit etwa das eigene Wohnmobil trendgerecht an den weiten Stränden St. Peter Ordings zu parken. Ob dieses kultische Nacheifern eines Outdoortrends in Wohnmobilkollektiven aber etwas mit grundgesetzlich garantierten Freiheitsrechten zu tun hat, wage ich zu bezweifeln. Ich kann mir zwar gut vorstellen, dass das Übernachten am Meer viel Spaß bringen kann. Gerade jetzt, nachdem wir uns in den eigenen vier Wänden wie Masthühner in der Käfighaltung fühlen. Doch sollten wir den Grund für diese Einschränkungen nicht verdrängen: die steigenden Inzidenzzahlen. Nehmen wir uns also die Freiheit, das Wohnmobil stehen zu lassen.

Verblendung

In Köln gab es gestern mehrere unangemeldete Demos, zu denen in sozialen Netzwerken aufgerufen worden ist, wie die WELT berichtet.

https://www.welt.de/vermischtes/article229266199/Demos-gegen-Corona-Massnahmen-Tumultartige-Szenen-in-Koeln.html

Bemerkenswert an diesen Veranstaltungen ist dem Bericht zufolge das Verweigern des Maskentragens und des Nichteinhaltung von Abstandsregeln. Dieses Verhalten beinhaltet nicht nur das Verdrängen der Ansteckungsgefahr durch das Virus, wie es die Wohnmobilfahrer vertreten könnten. Frei nach dem Motto, in mein Mobil kommt das Virus nicht. Ich bin in diesem Plastikkäfig geschützt. Auf diesen Schutzpanzer verzichten die Demonstranten, die ohne Maske und ohne Einhaltung der Abstandsregeln über den Asphalt trampeln. Hier wird das Risiko einer potentiellen Ansteckung wohl nicht einfach nur verdrängt, sondern möglicherweise noch durch einen Verschwörungsmythos ausgeblendet. Gerade rechte Populisten rufen oft zu diesen Veranstaltungen auf, um für ihre primitiven und niederen gedanklichen Ausscheidungen Gehör zu finden. Letztlich spielen sie so mit ihrem Verblendungsgefasel mit unserem Leben.

Antizipation

Alle seriösen wissenschaftlich abgesicherten Institutionen in Deutschland sind sich hingegen einig. Wir befinden uns mitten in der dritten Welle. Ob es nun das RKI oder eine andere seriöse Instanz ist: Momentan streitet die Wissenschaft nur über die Form der Welle, nicht aber deren Höhe. Der Tagesspiegel gibt einen guten Überblick der derzeitigen Situation.

https://www.tagesspiegel.de/wissen/schnelltests-im-kampf-gegen-dritte-welle-berliner-forscher-warnen-vor-2000er-inzidenz-im-mai/27029528.html

Antizipation, das Vorausdenken, ist in dieser Pandemie notwendig, um sich angemessen verhalten zu können. Es ist nicht nur in den Warnungen der Intensivärzte enthalten, wenn diese vor übervollen Intensivstationen und Triade-Situationen warnen, die unaufhaltsam auf uns zukommen werden, wenn wir die dritte Welle nicht zeitnah brechen werden.

Antizipation ist auch von uns einfachen Menschen, von jedem von uns erforderlich, damit wir dem Virus nicht ins Messer laufen. Wir alle sollten uns selbst gut genug kennen. Wir sollten wissen, was passiert, wenn wir uns mit harten Lockdown-Regeln nicht selbst Grenzen setzen. Denken wir uns in ein Wohnmobil am schönen Strand von St. Peter Ording, dann werden wir uns am ersten Abend vermutlich noch recht gut an die Regeln halten, vielleicht ein kleines Lagerfeuer machen und mit ein paar Leuten mit genügen Abstand sitzen und klönen. Wie lange es dauern wird, bis nach ein paar Bier dann im Rausch die Regeln nicht mehr ganz so ernst genommen werden, mag ich nicht vorhersagen. Aber wir sollten uns so gut kennen, dass wir wissen, dass uns irgendwann unser Alltagsverhalten einholen und das Virus seine Chance bekommen wird.

Wenn wir nicht wachsam bleiben!

Zurzeit breitet sich das Virus aus. Die Inzidenzen sind so hoch, dass die Gesundheitsämter nicht mehr nachverfolgen können, wie sich das Virus ausbreitet. Es geschieht im Blindflug. Wir sitzen in einem Zug, in dem die Notbremse gezogen werden sollte. Doch keiner macht es, sondern es gibt jetzt zunehmend Provinzpolitiker, die ihre Planlosigkeit zum Konzept erklären und von Öffnungsschritten sprechen, nur weil sie nicht sehen wollen, dass der Zug auf den Abgrund zurast. Verdrängt und verblendet scheint es sich am Abgrund ganz gut zu leben.

Ich bin gespannt, wohin uns der Zug bringen wird.

Mark Hagelt

Veröffentlicht von

markhagelt.org

Mark Hagelt lebt seit vielen Jahren mit Kind und Kegel als Lehrer in Norddeutschland und hat in seinem Roman "Schulfrei" eigene Erfahrungen aus der Lehrerausbildung eingearbeitet. Das Manuskript ist bereits vor über 20 Jahren verfasst worden, lag dann aber nach ersten Veröffentlichungsversuchen lange im Regal und wurde erst kürzlich wiederentdeckt. Die im Roman thematisierten gesellschaftlichen Hierarchien und Ausgrenzungstendenzen beschäftigten den Autoren seit Langem, teilweise auch in wissenschaftlichen Bestrebungen, und scheinen ihm heute ausgeprägter zu sein, als in der Zeit des Verfassens des Werks. Daher erscheint ihm die Auseinandersetzung mit subtilen Formen der Unterdrückung und struktureller Gewalt aktueller denn je, da sie die Basis unseres auf Egalität und Solidarität fußenden demokratischen Zusammenlebens sukzessiv unterwandern.

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