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Inklusion ohne Exklusion der Bildung

Die gesellschaftliche Notwendigkeit der Inklusion darf nicht als ein Nullsummenspiel betrieben werden. Heribert Prantl hat Recht: Der Abbau von Barrieren für Behinderte darf nicht mit einem Sinken der Qualität der Bildung in unseren Schulen erkauft werden.

Es gibt so viele Themen über die man im Zuge der laufenden Sondierungsgespräche schreiben kann, um auf dringende Reformen aufmerksam zu machen. Um so erfreulicher ist es, dass Heribert Prantl heute in der Süddeutschen Zeitung in seiner Kolumne „Barrieren weg!“ auf die Notwendigkeit der Ausweitung der Inklusion in unserer Gesellschaft aufmerksam gemacht hat.

Dass diese und nicht nur das Wort selbst immer noch ein Schattendasein führt, merke ich schon beim Verfassen dieses Artikels an der Autokorrektur meines Schreibprogramms. In der Überschrift wird das anscheinend unbekannte Wort „Inklusion“ automatisch zu „Inklusive“ korrigiert. Und auch in der Unterzeile wiederholt sich dieses Phänomen. Im nächsten Absatz beobachte ich dann das Wort „Infusion“ als automatische Korrektur. Man muss anscheinend auch gegen die Rechtschreibkorrektur kämpfen, um den Term „Inklusion“ verwenden zu können. Es mutet kafkaesk an.

Hier wird deutlich: „Inklusion“ führt als Wort ein Schattendasein in unserer Sprache. Sie ist der Rechtschreibkorrektur noch fremd. Diese versucht allerdings, unserem allgemeinen Sprachgebrauch zu entsprechen. Und dies führt zu dem Schluss, dass sie, die Inkulsion, unserer Gesellschaft noch fremd ist.

Die Inklusion ist unserer Gesellschaft noch fremd!

Mich überrascht dies als Lehrer an einer Inklusionsschule. Inklusion ist mir an meinem Arbeitsplatz allgegenwärtig und selbstverständlich. Doch sie ist, wie Heribert Prantl in seinem Beitrag zutreffend bemerkt, längst nicht gesellschaftliche Wirklichkeit in unserer sogenannten „freien“ Gesellschaft. Welches Freiheitsverständnis vertreten wir?

Freiheit bedeutet heute nicht wie es die Aufklärer schon im 18. Jahrhundert forderten, eine Befreiung von den Barrieren einer Ständegesellschaft. Statt dessen schlägt das Rechtschreibprogramm in der Gegenwart „inklusive“ vor. Ich assoziiere mit diesem Begriff der Ökonomie, dass etwas finanziell im Preis enthalten ist. Aber leider ist Inklusion in unserer Gesellschaft nicht inklusive. Eher das Gegenteil ist der Fall. Eine sich „Freie demokratische Partei“ nennende Organisation setzt sich im Namen der Freiheit heute für Steuersenkungen für Reiche und Firmen ein und für einen trotzdem stabilen Haushalt, der folglich, aber das verschweigt man in Wahlkampfzeiten gern, über Kürzungen im Sozialhaushalt erwirtschaftet werden soll.

Dieses Verständnis des Liberalismus verkörpert eine Mentalität des „Alles Inklusive“.

„Unsere“ FDP verkörpert heute einen Liberalismus, in dem sich ökonomisch Freie ihre Besitzstände wahren wollen. Der Preis dafür sind die Barrieren einer exklusiven Gesellschaft. „Exklusiv“ ist hier doppeldeutig: Sie ist einerseits das Milieu einer sich finanziell abgrenzenden Oberschicht, die andererseits Menschen mit Behinderungen, aber nicht nur diese, ausschließt.

Ist das der Liberalismus, den wir uns wünschen und für den wir kämpfen?

Mark Hagelt

In Kategorie: Demokratie, Politik, Schule

Über den Autor

Veröffentlicht von

Mark Hagelt lebt seit vielen Jahren mit Kind und Kegel als Lehrer in Norddeutschland und hat in seinem Roman "Schulfrei" eigene Erfahrungen aus der Lehrerausbildung eingearbeitet. Das Manuskript ist bereits vor über 20 Jahren verfasst worden, lag dann aber nach ersten Veröffentlichungsversuchen lange im Regal und wurde erst kürzlich wiederentdeckt. Die im Roman thematisierten gesellschaftlichen Hierarchien und Ausgrenzungstendenzen beschäftigten den Autoren seit Langem, teilweise auch in wissenschaftlichen Bestrebungen, und scheinen ihm heute ausgeprägter zu sein, als in der Zeit des Verfassens des Werks. Daher erscheint ihm die Auseinandersetzung mit subtilen Formen der Unterdrückung und struktureller Gewalt aktueller denn je, da sie die Basis unseres auf Egalität und Solidarität fußenden demokratischen Zusammenlebens sukzessiv unterwandern.

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