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Lasst Joshua Kimmich nicht spielen!

In seinem Kommentar „Lasst sie spielen“ verteidigt der Redakteur der Süddeutschen Zeitung Johan Schloemann den Fußballer des FC Bayern München Joshua Kimmich, der durch sein Eingeständnis nicht gegen Corona geimpft zu sein, massiv in die Kritik geraten ist. Dies ist hochproblematisch.

Wir alle haben die Debatte um Joshua Kimmich mitbekommen, der nach einem Fußballspiel relativ spontan in einem LIve-Interview von sich gegeben hat, dass er nicht gegen Corona geimpft sei. Dies hat überrascht. Nicht nur, weil Kimmich sich das Image eines seriösen und bodenständigen, reflektierten und engagierten Vertreters seiner Zunft zugelegt hat. Dies geht sogar soweit, dass er selbst eine Initiative gegen das Corona-Virus massiv unterstützt.

Kimmich gibt sich das Bild des Vorbildfußballers.

Was die Empörungswelle, die Schloemann in seinem Text gut beschreibt, so hoch hat ausschlagen lassen, ist sicherlich dem Umstand zu verdanken, dass keiner von uns erwartet hätte, dass unser Joshua dies macht. Er ist für uns einer der positiven Helden des Fußballs. Sicherlich hätte Kimmich dieses Image nicht um sich aufbauen müssen, dass ihm Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und in der Folge als fußballerischer Geschäftsmann mit einem mittelständischen Jahresumsatz sicherlich ein Plus in seinen Werbeeinnahmen verschafft hat.

Kimmich ist als Fußballprofi ein mittelständischer Unternehmer.

Schloemann geht in seiner Verteidigung Kimmichs zu weit, wenn er ihn in Schutz nimmt vor seriösen Kritikern wie Steffen Seibert, Regierungssprecher Angela Merkels. Ebenso ist die Kritik von Alexa Buyx absolut in Ordnung. Beides ist praktizierte Aufklärung, wie sie eine aufgeklärte Demokratie nötig hat. In dieser Gegenrede gleich eine erzieherische „Phalanx“ zu sehen, ist eine maßlose Überspitzung. Oder ist es nur der Versuch des Altphilologen Schloemann mit dem Lametta seiner humanistischen Bildung um sich zu werfen? Nein, es ist mehr. Das Wort „Phalanx“ entstammt der altgriechischen Militärsprache. Es bezeichnet eine tief gestaffelte, geschlossene Schlachtreihe des schweren Fußvolks. Und so drängt sich das Bild auf, dass Kimmich in einer Schlacht von schwer bewaffneten Kriegern bedrängt wird. Stellen wir uns so Steffen Seibert und Alexa Buyx vor? Nein, hier hat Schloemann überzogen. Nicht nur, indem er die Kimmich-Kritiker zu einem Fußvolk und damit zu Kriegern von niederem Rang abgewertet hat. Nein, ganz nebenbei hat er sich den Habitus des überlegenen und räsonierenden Intellektuellen gegeben, der er ansonsten durchaus sein kann, aber in diesem Fall nicht ist.

Schloemann hat als Aufklärer versagt.

Er als Aufklärer versagt hat. Schloemann gibt am Anfang seines Artikels durchaus etwas versteckt zu erkennen, dass er mit dem „Geschäft“ der Aufklärung sympathisiert. Doch zwängt er sie ein in das Private, in Gespräche von Nachbarn am Zaun, die sich wechselseitig aufklären sollen. Doch genau dies ist ein Zurückweichen und eine Preisgabe der Öffentlichkeit, über die wir uns unsere Meinung aufbauen und die ein wichtiger Baustein unserer offenen demokratischen Gesellschaft ist. Und es ist wichtig, dass in diesem öffentlichen Raum unsinnige Ansichten an den Rand gedrängt und demgegenüber reflektierte und auf Fakten beruhende Meinungen in der Mitte stehen. So ist es Joshua Kimmich ergangen, der mit seiner faktenfreien These von vermeintlichen Langzeitnebenwirkungen der Corona-Impfstoffe am Fortbestand eines Mythos mitwirkt.

Kimmich hat den Mythos vermeintlicher Langzeitnebenwirkungen der Corona-Impfstoffe gefestigt.

Schloemann mag Recht damit haben, dass man impfunwillige Menschen mit der heftigen Kritik an Kimmich nicht erreichen wird. Aber darum geht es in diesem Augenblick nicht. Es geht darum, dass all die Menschen, die sich bisher haben impfen lassen, nicht durch unsinniges Gerede unberechtigter Weise verängstigt werden. Auf diese Weise darf Kimmich nicht in der Öffentlichkeit am Mikrofon mit uns „spielen“.

Joshua Kimmich verängstigt alle Geimpften.

Kimmichs Geständnis war ein Fehler. Wir alle sind Menschen und begehen sie – auch Joshua. Nun ist es an ihm, sich aus diesem Dilemma zu befreien. Er muss sich nicht genötigt sehen, sich Hals über Kopf impfen zu lassen, doch sollte er seinen klugen Kopf anwerfen und überlegen, was rational geboten, was vernünftig ist. Es gibt in seinem Umkreis sicherlich genügend Experten, die ihn medizinisch seriös beraten können. Dass er weiter Fußball spielen soll, ist selbstverständlich.

Kimmich braucht seriöse medizinische Berater.

Aber nun zum Schluss noch einmal zurück zu Schloemann: Wenn er Kimmichs Kritiker zum Fußvolk abwertet, dann drängt sich das Bild auf, als äußere sich ein Feldherr, der von einem höheren Punkt aus die Schlacht beobachtet. Hier schimmert eine altphilologische Überheblichkeit mit, die uns nicht gut tut. Besser ist es auf dem Boden zu bleiben.

Mark Hagelt

In Kategorie: Corona, Demokratie

Über den Autor

Veröffentlicht von

Mark Hagelt lebt seit vielen Jahren mit Kind und Kegel als Lehrer in Norddeutschland und hat in seinem Roman "Schulfrei" eigene Erfahrungen aus der Lehrerausbildung eingearbeitet. Das Manuskript ist bereits vor über 20 Jahren verfasst worden, lag dann aber nach ersten Veröffentlichungsversuchen lange im Regal und wurde erst kürzlich wiederentdeckt. Die im Roman thematisierten gesellschaftlichen Hierarchien und Ausgrenzungstendenzen beschäftigten den Autoren seit Langem, teilweise auch in wissenschaftlichen Bestrebungen, und scheinen ihm heute ausgeprägter zu sein, als in der Zeit des Verfassens des Werks. Daher erscheint ihm die Auseinandersetzung mit subtilen Formen der Unterdrückung und struktureller Gewalt aktueller denn je, da sie die Basis unseres auf Egalität und Solidarität fußenden demokratischen Zusammenlebens sukzessiv unterwandern.

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